Usability am TV

Grafische Nutzeroberflächen (GUI) werden zukünftig im Fernsehen eine wichtige Rolle spielen. IPTV ermöglicht dem User eine echte Interaktion mit dem TV System. Die Kommunikation zwischen System und User wird über ein GUI realisiert, welches nach ähnlichen Prinzipien wie im PC- oder Internet-Bereich funktioniert. Allerdings sind einige Besonderheiten bei der Entwicklung von GUIs für interaktive TV Applikationen zu beachten.

“Lean Back” (TV) vs. “Lean Forward” (PC)

Die Mediennutzung ist beim klassischen Fernsehen durch eine passive „Lean-Back“ Haltung bestimmt, im Gegensatz zu einer aktiven „Lean-Forward“ Haltung am PC.

Der PC ist auf eine aktive Nutzerrolle zugeschnitten, d.h. die Mensch-Maschine-Schnittstelle ist speziell für eine interaktive Nutzung konzipiert. Das Fernsehen hingegen ist durch passives und selektives Konsumieren bestimmt. Daher sind sowohl der Bildschirm als auch das Steuerungsgerät, die Fernbedienung, auf diese passive Nutzerrolle zugeschnitten. Folglich müssen die Benutzeroberflächen an diese eingeschränkten Möglichkeiten angepasst und mit dem typischen „Lean-Back“ Rezeptionsszenario vereinbar sein. Hier liegt das grundlegende Problem für interaktives Fernsehen.

Das Endgerät: Fernseher

Der TV Bildschirm ist einige Meter vom Zuschauer entfernt und hat eine wesentlich geringer Auflösung als ein Computermonitor. TV Bildschirme arbeiten mit den Interlace-Verfahren, sprich ein Bild besteht aus zwei ineinander geschobenen Halbbildern, wodurch das TV-Bild etwas weich gezeichnet dargestellt wird.
Des Weiteren kann nicht die volle Bildgröße verwendet werden, da verschiedene TV Geräte unterschiedlich viel vom verfügbaren Bild darstellen. Wichtige Informationen und Navigationselemente müssen innerhalb eines sicheren Bereiches (Save Area) auf dem Screen platziert werden, damit man sicher davon ausgehen kann, dass sie auch auf jedem TV Gerät angezeigt werden. Diese Safe Area ist ca. 10% kleiner als das gesamte Bild. Um etwas Abstand zum Rand zu lassen, sollte der Gestaltungsbereich ca. 80% der gesamten Screengröße betragen. In Zahlen gesprochen bleibt beim TV-Standard PAL (720×576 Pixel) eine 576×460 Pixel großer Bereich übrig, der für die Benutzeroberfläche genutzt werden kann.

Die Steuerung: Fernbedienung statt Tastatur und Maus

Die Navigation erfolgt über die Fernbedienung, nicht über Tastatur und Maus. Es gibt die Möglichkeit eine Tastatur an das TV-Set anzuschließen oder eine Fernbedienung mit integrierter Tastatur bzw. alphanumerischer Texteingabe zu verwenden. Es existieren auch spezielle Fernbedienungen mit Trackball, die für eine Steuerung des Mauszeigers verwendet werden können, allerdings können diese Eingabegeräte nicht vorausgesetzt werden.

Für die Navigation mittels Fernbedienung stehen meist lediglich die folgenden Tasten zur Verfügung: Die vier Pfeiltasten (oben, unten, rechts, links) mit der „OK“ Taste in der Mitte, die vier farbigen Funktionstasten (rot, grün, gelb, blau) und der Nummernblock mit den Zahlentasten von 0-9. Außerdem erlaubt die Fernbedienung oft auch eine alphanumerische Eingabe, d.h. Texteingaben können, wie bei einem Handy, über die Nummerntasten vorgenommen werden. Die folgende Abbildung zeigt eine herkömmliche Fernbedienung mit den verwendbaren Eingabetasten, für die Steuerung einer interaktiven Applikation.

Fernbedienung

Usability

Aus Sicht einer guten Benutzerführung müssen die oben genannten Besonderheiten natürlich stets beachtet werden. Gerade auf einem neu entstehenden Markt, wie IPTV einer ist, darf man die neuen Nutzer nicht gleich durch benutzerunfreundliche GUIs verärgern.
Deswegen sollten interaktive Anwendungen auf dem TV so einfach wie möglich aufgebaut sein. Kaum jemand hat Lust sich in tiefe und komplexe Menustrukturen zu begeben. Jeder Inhalt sollte mit so wenigen Klicks wie möglich erreichbar sein. Auch die Ladezeit von Bildern und Videos spielt dabei eine Rolle.

Da man die Anwendungen aus der Ferne bedient, ist es außerdem wichtig, ein Feedback über die Aktionen zu geben, die der Nutzer ausführt. Da man keinen Mauszeiger zur Navigation verwendet, sollte man trotzdem immer erkennen können, wo man sich gerade mit dem imaginären Cursor befindet, welche Funktion man ausgelöst hat oder in welchem Bereich der Anwendung man sich befindet.

Herausforderungen

Der breite Einsatz von GUIs ist im TV ein Novum. Zwar ist man das Abrufen des Videotextes oder EPG oder das Programmieren eines Videorekorders über ein GUI bereits gewohnt, aber beim täglichen fernsehen kommt man bisher gänzlich ohne aus. IPTV und dessen Möglichkeiten sind ohne GUIs jedoch nicht vorstellbar. Eine große Herausforderung wird es sein, Oberflächen zu entwickeln, die trotz komplexer Operationen eine sehr einfache Handhabung gewährleisten. Die interaktive Mediennutzung soll sich schließlich auch in der breiten Masse durchsetzen und nicht nur für „Technik-Freaks“ interessant sein. Da der Nutzer den alltäglichen Umgang mit TV-GUIs noch nicht gewohnt ist, muss diese Art der Nutzung erst gelernt werden. Die Konzepte und Prinzipien aus dem Internet bzw. aus dem Bereich der mobilen Endgeräte lassen sich nicht 1:1 übertragen. Hier liegt also ein entscheidender Faktor für den Erfolg eines neuen interaktiven Fernsehens.

Konzept und Design von interaktiven Applikationen

Einen genaueren Blick auf wichtige Faktoren bei Konzeption und Design von interaktiven Applikationen gibt es in Teil 2.

Autoren: Alex Sieverding, Florian Brandel
Literatur:
Gawlinski, Mark (2003): Interactive Television Production. Focal Press